| Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.2003, Nr. 94 / Seite 39 | |
DIETER BARTETZKO Ohnmacht der Freiheit: Zum Tod von Nina Simone "Ja aber", beginnt ein Mädchen immer wieder seine Bitte, mit einer Gleichaltrigen spielen zu dürfen. Die Einwände der Mutter hört man nicht. Auch den entscheidenden letzten nicht, dem ein gedehntes "Oh, I see" antwortet. Doch man weiß, daß die blonde Kleine nun eingewilligt hat, jene andere mit Haut "just like chocolate" zu meiden. Sehr leise sang Nina Simone 1967 dieses selbstkomponierte Lied. Es machte frösteln, obwohl es ganz anders klang als "To be young, gifted and black", ihre wütende Hymne der schwarzen Bürgerrechtler. Ungewohnt war das Kinderlied auch, weil es mit Bach-Anklängen die klassische Ausbildung der Pianistin Simone bezeugte. Zeitlebens trauerte sie, als "Hohepriesterin" des Soul und Blues gefeiert, um die verpaßte Klassikkarriere. Dafür hatte eine ganze schwarze Gemeinde gespart: die des Städtchens Tryon in North Carolina, wo Nina Simone als Tochter eines Gelegenheitsarbeiters und einer Methodisten-Predigerin zur Welt gekommen war. Sing, oder du wirst gefeuert Abgewiesen vom Curtis Institut in Philadelphia, arbeitete sie 1954 als Pianistin in einem Nachtklub in Atlantic City: "Sing, oder du wirst gefeuert" - der rüde Besitzer war unwissentlich ein Genie. Denn die Stimme Nina Simones, kehlig, guttural, eine Geröllhalde der Sehnsüchte und enttäuschten Hoffnungen, siegte sofort. Gershwins "I love You Porgy" wurde 1957 ihr erster Hit. Nachfolger wie "Gin House Blues", "I put a spell on you" "One night stand" oder "You don't know what it's like" kennt jeder. Was immer sie sang, attackierte den Rassismus ihrer Landsleute - und weiße wie schwarze Prüderie, der sie die Würde der Begierde und Leidenschaft entgegenhielt. Enttäuscht von den Kompromissen der Afroamerikaner ging sie nach Liberia, liebte, wie sie in ihren Memoiren schrieb, reuelos Hotelportiers und Ministerpräsidenten, ehe sie sich, wie ihre Kolleginnen und Leidensgenossinnen Josephine Baker und Eartha Kitt, in Frankreich niederließ, gefürchtet und geliebt für ihre Auftritte zwischen triumphalem Soulblues und depressiver Seelenpein. |