The Nina Simone Web
  Frankfurter Rundschau 23.04.2003

ADAM OLSCHEWSKI

Zum Tod von Nina Simone

Der Tod macht alle gleich; wischt allen Ärger fort, stimmt milde, bekannte einst jemand am Bahnhof von Pöcking. So ist es nicht ganz. Ein Nekrolog kann unangenehme Sätze enthalten, wenn er dem Verschiedenen als Mensch erfassen will. Man darf sich deshalb daran erinnern, dass unter den Diven des Jazz bzw. Soul bzw. von beidem - also jenen Damen, denen Unverträglichkeit Pflicht scheint - Nina Simone eine besonders Unmögliche war. Ihre Wut kehrte sich gern gegen Menschen, die kaum verschuldet, sondern mehr aus Liebe, in ihren Bannkreis gerieten, das heißt gegen ihre Bewunderer.

Ungezählt sind die Fälle in denen sie Konzerte knapp vor Beginn abgesagt hatte. Man konnte die Gründe kurz darauf in der Tagespresse nachlesen, sie hießen mal Nervenzusammenbruch, mal plötzlich erhöhte Gagenforderungen, mal Pfändung der Gage durch die Steuerbehörden. Anfang der achtziger Jahre sollte sie Don Shewey in der Village Voice in "Verwirrung zwischen Überlebenswillen und Selbstzerstörung, Neurose und Krankheit" ansiedeln. Schwer zu sagen, was sie unentwegt zum Affekt trieb und zu dem Menschen machte, der sie war.

Nina Simone wurde 1933 als Eunice Kathleen Waymon in Tryon, North Carolina geboren. Die Mutter war Methodistenpredigerin, der Vater Handwerker. Nina war das sechste von acht Kindern. Mit vier bekam sie Klavierunterricht. Es blieb ihr Instrument, mit dem sie sich fortan am liebsten begleitete. Sie wollte zuerst Konzertpianistin werden, wurde aber vom Curtis Institute of Music in Philadelphia abgelehnt; eine Niederlage, die ihr lange Jahre nachhing und für die sie Rassismus verantwortlich machte. Sie verdiente ihr Geld als Jazzsängerin in den Nachtclubs von Philadelphia und Atlantic City. So begannen damals die Laufbahnen von Dutzenden.

Mit dem Aufkommen der Bürgerrechtsbewegung war sie alt genug, um bewusst politisch zu sein. Sie musste es nicht tun, aber sie tat es mit Nachdruck. Nach dem Mord an Martin Luther King schrieb sie "Why? The King of Love is Dead", nach dem Bombenanschlag auf eine Kirche in Alabama, wo vier Mädchen umkamen, schrieb sie "Mississippi, Goddam" und ein wenig später "Young, Gifted And Black", ein Titel, der später wiederholt gecovert wurde. Fast schien es, als könnte sie beim Schreiben von Songs ihre Wut (gepaart mit Ohnmacht), die sie sich später an den Konzertbesuchern auszulassen angewöhnte, in geeignete Bahnen lenken.

Sie zählt zu den Guten, ohne je mit Gewissheit als eine Große gehandelt zu werden. Ihre Stimme war dunkel und um mehr Dunkelheit stets bemüht, ein Alt wohl, unangestrengt bestenfalls, wohl aber auch geringfügig affektiert. Doch an der Stimme lag es nicht. Ende der fünfziger Jahre nahm sie erste Lieder auf und mit Ira Gershwins Gassenhauer "I Love You, Porgy" landete sie einen veritablen Hit. Dies geschah mehrfach - mit einem Stück aus dem Musical Hair und einem anderen von den Bee Gees ließ sie sich in den Top Ten nieder - , aber ihr Ansehen gedieh erst richtig, nachdem ihre Interpretation von "My Baby Just Cares For Me" 1987 von Chanel No 5 zu Werbezewecken verwendet wurde. Sie verschnitt von ihren Anfängen an, von Ray Charles womöglich beeinflusst, Jazzansätze (sie trat bereits beim ersten Jazzfestival in Los Angeles auf) mit Gospel und Pop. Es könnte ihr Verharren auf der Schnittstelle der Stile verantwortlich dafür sein (sie taucht in den Jazzlexika wie in den Nachschlagewerken über Soul auf; oder gar nicht), dass ihr kein anhaltender Ruhm beschieden war. Sie lebte schlecht damit, wollte mehr sein.

Ihre Hymnen gegen die Rassengegensätze verhallten allerdings nach und nach. Bald sah sie ihren Platz nicht mehr in den USA, und vermutlich war sie auch verbittert über ausbleibende Erfolge. Eine Aufreihung ihrer Wohnorte verrät einiges über ihre Zugvogelexistenz: Schweiz, Liberia, Barbados, Niederlande, Großbritannien. Am Ende schien es, dass sie in Südfrankreich relative Ruhe vor ihren Dämonen fand, die sie wohl in sich trug und die sie fest im Griff hatten.

Wie soll man sich ihrer erinnern? Ihr Manager lässt die Presseagenturen wissen: als Bürgerrechtlerin. Nein; doch wahrscheinlich nicht. Ihre Stimme, die sie wahrnehmbar in der Zeit des Freejazz erhob und der zweifellos dem Geschehen eine weit adäquatere Form verlieh, war lediglich eine von vielen; durch und durch schön, anschmiegsam, durchdringend - aber immer noch eine von vielen. Man sollte Nina Simone viel eher als eine Sängerin mit Rückgrat im Gedächtnis behalten. Einem Rückgrat, so die Vermutung, an dem sie zeitlebens litt.