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| KARL BRUCKMAIER Der auserwählte Folk Fünf Silben Freiheit: Zum Tod der Sängerin Nina Simone Ein kurzer Beitrag über den Tod der Sängerin Nina Simone beschloss Montagnacht den Nachrichtenblock auf einem Privatsender; rüde platzte ein Werbespot in ihre Fassung eines Beatles-Songs, Fall erledigt, das Leben muss weitergehen, Buntwäsche, Kochwäsche, nicht nur sauber, sondern rein. Was pietätlos und abgeschmackt wirkte im ersten Moment, war eigentlich ein unfreiwillig passender Kommentar zur Karriere einer Frau, deren Name vielen vertrauter ist als ihre Musik. Denn es war ein Werbespot für Parfüm, der Nina Simone 1987 einen letzten großen Erfolg bescherte: My Baby Just Cares for Me und Chanel, das passte so gut zusammen, dass es die dreißig Jahre alte Single auf Platz 5 der britischen Hitparade schaffte. Für Nina Simone war das nur indirekt ein Grund zur Freude, hatte sie doch die Rechte an dem Lied in ihrer Jugend für ein Trinkgeld an einen Musikverleger verkaufen müssen. Mit einem One-Hit-Wonder hat Nina Simones Karriere auch begonnen, ihre Fassung von Gershwins I Loves You Porgy war 1959 ein Millionen-Seller und bescherte den USA eine neue Gesangsdiva, von der Duke Ellington schwärmte, sie sprenge alle Kategorien. Dazwischen: Alles und nichts. Jedenfalls keine Kategorien, jedenfalls keine anderen Platzierungen in Verkaufslisten, nur eine unruhige Karriere als lebende Legende. In North Carolina wurde Nina Simone vor siebzig Jahren als Eunice Waymon geboren. Die Familie: kinderreich und nicht sehr wohlhabend. Kirchenchor und Klavierunterricht heißen die Musikklischees ihrer Kindheit, und doch muss da mehr gewesen sein, ein Vertrauen in das Können von Klein- Eunice, das Nachbarn und Freunde der Familie dazu brachte, Geld zu sammeln für die weitere Ausbildung dieses Mädchens, das es schließlich bis an die Juilliard School of Music in New York schaffte mit dem Ziel, eine klassische Pianistin zu werden. Dann war das Geld alle; in Philadelphia spielte die 21- Jährige in einer Hotelbar, um sich über Wasser halten zu können. Der Hotelmanager wollte, dass sie sang, also sang sie, klimperte, improvisierte, fügte klassische Elemente ein in ihr Spiel: Diese über ihre Steaks kauernden Vertreter merken ohnehin nichts. Eins aber wollte Eunice nicht: dass ihre Mutter von diesem Brotjob erfuhr und sie nannte sich fortan man lasse sich den Namen nun ein erstes Mal bewusst auf der Zunge zergehen Nina Simone, Ni- na Si-mo-ne. Nein, Chanel hätte keine bessere Wahl treffen können als diesen unprätentiös prätentiösen, seidenen, so idealtypisch die Fünfziger-Jahre repräsentierenden Song und dazu den Namen seiner Interpretin mit all seiner frenchness, seiner Kühle, seiner Perlenkettenschönheit, seiner Chanel- Kostümhaftigkeit existentielle Essenz einer Epoche, aber eben auch Young, Gifted & Black, wie sie später singen sollte: Nina Simone. Die Kritik nannte sie Jazzsängerin, als sie ab 1958 Platten machen konnte, nannte sie Soul-Sängerin, nannte sie Pop-Sängerin und Schnulzensängerin. Das alles war richtig: Nina Simone nahm sich die Freiheit, nach einer Novelty-Nummer wie Screamin Jay Hawkins I Put a Spell on You die Seeräuber Jenny zu singen, nach Jacques Brel etwas von Dylan oder Cohen, nach einem Broadwayschmachtfetzen ein Stück über die rassistischen Gesellschaftsverhältnisse in ihrer Heimat. Manche ihrer Platten wirken heute wie ein verzweifelter Versuch, den Moden des Tages gerecht zu werden, aber nur wenn man die Titel der Stücke bloß liest. Hört man Nina Simones Stimme wie Ingwer, irritierend, nicht süß und doch süß, nicht scharf, und doch: scharf? verfliegen diese Gedanken und eine Aussage fällt mir ein aus ihrer Autobiografie: Sie sei eine Folksängerin. Sie singt, was die Leute gern hören. Oder gerne hören sollten. Oder einst gern gehört haben. Aber sie singt es nur auf ihre Weise. Und sie nennt die politischen Verhältnisse beim Namen: in Liedern wie Old Jim Crow oder Mississippi Goddam. Dieser explizit politische Standpunkt, bestärkt durch ihre neuen Freunde und Bekannten wie James Baldwin, Stokeley Carmichael oder Miriam Makeba, mag mit daran Schuld gewesen sein, dass Nina Simone in den USA nie wieder einen Hit haben sollte und schließlich 1973 frustriert ein Flugzeug nach Liberia bestieg, damals das Gelobte Land der von einem Panafrikanismus träumenden Bürgerrechtsgeneration. Über die Karibik kam Nina Simone schließlich nach Südfrankreich, noch so ein Paradies für Schwarze: France, Europe, wo man Jazz liebt und dem Genie huldigt, ohne auf die Farbe der Haut zu achten. Hier starb sie am Ostermontag in der Nähe von Marseille. Und wir sprechen noch einmal ihren Namen aus: Nina Simone. |