The Nina Simone Web
  Neue Zürcher Zeitung, 23 April 2003

STEPHAN HENTZ

Eine Sirene der Black Music
Zum Tod der Jazzsängerin Nina Simone

«Was ich mache», sagte Nina Simone einmal in einem Interview, «kann ich einfach nicht in Worte fassen. Es ist wie mit der Liebe. Wie soll man über Liebe sprechen?» Liebe, Wut und andere grosse Gefühle - und keine Worte, die ausreichten, all das zu umfassen, was sie auszudrücken hatte. Aber zur Sprache kam die Musik hinzu. Beide vereinte sie zu einem engagierten und pointierten gesanglichen Ausdruck; so wurde sie als Musikerin, als Sängerin, zu einer der beeindruckendsten ihres Fachs: Nina Simone, die Sirene schwarzen Selbstbewusstseins in den sechziger und siebziger Jahren; Nina Simone, der Weltstar. Herb, erschütternd und kraftvoll war ihre Kunst.

Als EuniceWaymon, das sechste von acht Kindern einer gottesfürchtigen Familie in Tryon, einer Kleinstadt in North Carolina, anfing, auf Mamas Klavier herumzuspielen, hatte sich niemand etwas Besonderes dabei gedacht. Eunice war drei, und das Klavier war schon für ihre Geschwister eines der bevorzugten Spielzeuge gewesen. Eunices Mutter brauchte das Klavier vor allem zur Begleitung von Kirchenliedern. Die schwergewichtige europäische Klavierliteratur jedenfalls war zunächst kein Thema im Haushalt der Waymons. Das änderte sich nun aber schnell, denn die kleine Eunice hatte Talent. Eine Frau, für die ihre Mutter arbeitete, eine weisse Amerikanerin, finanzierte dem jungen Mädchen die Klavierstunden, und schon bald wurde es als Wunderkind in der Stadt herumgereicht, konzertierte hier und dort vor wohlwollenden weissen Zuhörern, die sich mitunter aber weigerten, sich neben die Eltern der jungen afroamerikanischen Pianistin zu setzen.

Mit siebzehn ging Nina Simone an die renommierte Juilliard School in New York, weil sie eigentlich eine klassische Konzertpianistin werden wollte. Das Leben jedoch lehrte sie Persönlicheres - es lässt sich schwer behaupten, dass ihr das rundum gefiel. Als sie aber eines Sommers in einer irischen Bar im Ferienort Atlantic City spielen sollte, hatte der Barbesitzer eigentlich eine Sängerin erwartet. In ausschweifenden Improvisationen verknüpfte sie Versatzstücke ihres klassischen Repertoires mit populären Songs, die sie sich für den Sommerjob zurechtgelegt hatte, und begann nun auch ihre Stimme in dieses musikalische Geflecht einzuarbeiten. Nina Simone war geboren. Als die Saison zu Ende ging, hatte sie ihre erste Fangemeinde gewonnen. Der zweite Sommer folgte, weitere Klubauftritte, der erste Live- Mitschnitt, 1957 die erste LP mit ihren späteren Signatur-Stücken «I Loves You Porgy» und «My Baby Just Cares for Me» - und damit kam nun auch: der Erfolg.

Dem Rezept, das sie in diesen frühen Jahren entwickelt hatte, blieb Nina Simone treu. In ihren Songs mischte sie Einflüsse aus Klassik und Jazz, verarbeitete Tagesschlager, Musicalsongs, die Klangwelt der Spirituals und sorgte dafür, dass sie ihre Klasse als Pianistin nicht versteckte. «Schwarze klassische Musik» - in Abgrenzung zu den stilistisch und rassistisch vorbelasteten Begriffen «Jazz» und «Blues» - ersann sie sich selbst als Etikett für ihre Mixtur und machte damit noch einmal deutlich, wie sehr sie darunter litt, nie die Weihen und die Wertschätzung der klassischen Konzertpianistin erfahren zu haben.

Aber dann war da ja noch ihre Stimme: düster, grantig und hart, bisweilen gurgelnd und bedrohlich, dann wieder zart und weich. Säuseln indessen war Simones Sache nicht und auch nicht ihr Thema. In den sechziger Jahren - der fruchtbarsten Zeit als Songwriterin - sublimierte sie ihre Wut zu Hymnen der schwarzen Rebellion, zu erschütternden Aufschreien der noch immer nicht Gleichberechtigten. «Mississippi Goddam».

Nina Simone, die sich in letzter Zeit rar gemacht hat, schaffte bei ihren Auftritten immer wieder das Kunststück, im Zusammenklang der geschliffenen Eleganz ihres Klavierspiels mit der rauen Expressivität ihrer Stimme all jene Dinge mitschwingen zu lassen, für die sich Worte als zu klein erweisen. Am Montag starb sie im Alter von 70 Jahren in ihrem Haus in Südfrankreich.